Dienstag, 7. Mai 2013

Nichtregierungsorganisationen - regierungsunabhängige Initiativen von unten – haben in Russland keine Tradition. Arsenij Roginskij empfängt Delegation aus Estland



Kürzlich besuchte eine Delegation estnischer Parlamentsabgeordneter sowie der Botschafter Estlands MEMORIAL. Arsenij Roginskij zeigte ihnen wertvolle Bestände aus dem Archiv[1].
Roginskijs Biographie ist eng mit Estland verbunden. Er hat in Tartu studiert, und Estland ist für ihn so etwas wie eine zweite Heimat. Die Studenten in der estnischen Studentengruppe hätten fast ebensogut Russisch gesprochen wie seine russischen Kommilitonen, berichtet er, und zwar aus guten Gründen: „Die Esten waren Verfolgte, sie hatten Schulen in Sibirien besucht und sprachen gut Russisch. Natürlich hatte ich auch vorher gewusst, was 1937 geschehen war, aber mit diesen Dingen kam ich erst in Berührung, als ich mit Kommilitonen in Tartu verkehrte.

Roginskij führte die estnischen Besucher ins Archiv und zeigte ihnen einzelne Objekte.
Hier ist nur eines zu sagen: Sehen Sie diese beschrifteten Papierfetzen?“ – Roginskij nimmt einen Umschlag mit alten Papieren, auf denen sich unleserliche Kritzeleien mit Tinte finden. „Diese Aufschriften sind nicht genau datiert. Aber die Geschichte selbst ist einfach phantastisch. Es war 1938. Der Ehemann war verhaftet worden, seine Frau wurde nicht inhaftiert.
Unverhofft wurde sie vom Untersuchungsrichter vorgeladen. Er teilte ihr mit, ihr Mann sitze bei ihnen in Haft und lasse ihr diese Feldbluse übergeben, die solle sie waschen und die Knöpfe wieder annähen. Die Frau nahm die Feldbluse mit nach Hause.
Sie weinte, weil sie sah, dass sie monatelang nicht gewechselt worden war und darüber hinaus voller Blut. Sie wusch und wusch… Sie wollte sie schon wieder zurückbringen, als sie sich plötzlich an etwas erinnerte - sie fragte sich, warum sie eigentlich die Knöpfe annähen sollte, die ja ganz fest und gut angenäht waren. – Und dann wurde ihr die Sache klar. Es waren Doppelknöpfe, von beiden Seiten angenäht – es war ja ein Militärhemd. Die Frau riss die Knöpfe ab und fand dort auf Zigarettenpapier Notizen. Im Gefängnis wurden ja keine Zigaretten ausgegeben, sondern nur Tabak und Zigarettenpapier, mit denen man sich die Zigaretten drehte.
Allerdings hatte die Frau das Hemd schon gewaschen, und zwar ausgiebig und gründlich. So konnte sie die Notizen auf dem verwaschenen Papier nicht mehr lesen, nur noch ein paar unverständliche Worte. Sie starb, ohne den Inhalt des Geschriebenen erfahren zu haben.
Später gelangten diese Aufzeichnungen zu uns. Sie zu entziffern war schwierig, aber es ist uns gelungen, den Text wiederherzustellen und zu erfahren, wie dieser Mann verhaftet wurde und was aus ihm geworden ist.
Hier ein Auszug aus der entzifferten Nachricht:
„… Am 23. März 1937 holte man mich vor meiner Haustür ab und brachte mich in die Lubjanka. … Ich kam sofort in eine Einzelzelle, für 95 Tage. … Verhöre …. Fünf Tage ohne Essen und Schlaf, der Untersuchungsrichter… Im Gefängnis erfuhr ich, dass alles eine Provokation war, es gab keine Beweise gegen mich (sie haben mir verboten zu schreiben). Im September … richtete ich ein scharfes Protestschreiben an den Untersuchungsrichter. Ich bat, ihn der Akte beizulegen. Der Untersuchungsrichter, ein ehemaliger Vorgesetzter, las das durch und verlangte von mir, den Protest zurückzuziehen. Ich blieb dabei. Man schlug und demütigte mich, sperrte mich für 26 Tage in den Karzer. Es war dunkel, kalt, feucht. … 480 Gramm Brot, einen Becher Wasser. … Ich dachte, ich werde sterben, aber ich hielt durch. Wegen meiner Ablehnung wurde ich nach dem ersten Punkt angeklagt – Vaterlandsverrat. Der Untersuchungsrichter versprach, diese Anklage fallenzulassen, wenn ich von meinem Protest Abstand nähme. Ich stimmte zu. … Bis zum Wahnsinn getrieben, völlig erschöpft, habe ich im Juni unterschrieben. Darauf brachte man mich in eine Gemeinschaftszelle und quälte mich nicht mehr.“
Roginskij fährt fort: „Am Ende hat er diese schrecklichen Beschuldigungen natürlich unterschrieben. Dafür erlaubte man ihm, der Frau das Uniformhemd zu übergeben, um es zu waschen. Die Frau brachte die saubere Uniform zurück und gab sie dem Untersuchungsrichter. Drei Wochen danach wurde ihr Mann erschossen. Sie erfuhr davon erst Jahrzehnte später.

Das ist nur eine von vielen tragischen Geschichten. – Im Archiv liegen zahlreiche Briefe aus dem GULAG. „Das sind Dokumente, die man uns geschickt hat, im Wesentlichen Briefe aus den Lagern und Erinnerungen. Unzählige Dokumente und Zeugnisse aus dem GULAG. Persönliche Dokumente, die in den Familien aufbewahrt wurden. Wir haben viele solcher Briefe – Briefwechsel von Eltern aus den Lagern mit ihren Kindern. Und die Kinder haben an Stalin, an Vorošilov usw. geschrieben. Es gibt auch Fälle, in denen eine Ehefrau vermutet, ihr Mann sei erschossen, sich aber damit nicht abfinden kann und ihm jahrelang weiter Briefe schreibt. … Wir können gar nicht sagen, wie viele Dokumente es sind. Wir haben einen eigenen Fonds von Erinnerungen, in großer Zahl Dokumente aus dem Samizdat, die den Widerstand gegen die Sowjetmacht in den 1960er und 1970er Jahren belegen. Für Memorial ist wichtig, dass diese Dokumente alle uns überlassen wurden, und nicht dem Staat. –
Wir haben die Pflicht, sie aufzubewahren und zu erhalten. Wenn ich mir nicht der Verantwortung dafür bewusst wäre, dass diese Werte erhalten bleiben, dann könnte ich mir manchmal erlauben, weniger vorsichtig aufzutreten. Wie das Proletariat, das nichts als seine Ketten zu verlieren hat.

Roginskij zeigt Dokumente mit dem Vermerk „Ost“: „Das sind Dokumente zu Personen, die während des Krieges zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurden. Wir haben uns damit befasst, wir haben sehr viele Briefe von Ostarbeitern bekommen. Viele erschütternde Geschichten sind damit verbunden. Niemand hatte sich vor uns darum gekümmert. Und warum nicht? Weil die, die dorthin verschleppt wurden, damals junge Frauen und Männer waren. Als sie in ihr Dorf zurückkehrten, galten sie dort als Kollaborateure der Deutschen: ‚Wir haben hier gekämpft, gelitten, und ihr dort…‘, hieß es. So haben sie meist niemandem etwas davon erzählt. -
Wir haben viele Photographien aus Familienarchiven erhalten. Das kann man gar nicht verstehen, wenn man nicht in der Sowjetunion gelebt hat. Was bedeuten diese Photos mit übermalten Gesichtern? Wir haben viele dieser Art. Wer die sowjetische Erfahrung hinter sich hat, kennt das. Wenn Menschen verhaftet wurden, gab es zwei Möglichkeiten. Eine bestand darin, solche Photos wegzuwerfen. Aber wenn es eine Gruppenaufnahme war, man vielleicht selbst drauf zu sehen war und es einem leid tat, es wegzuwerfen? Dann hat man einfach die Gesichter unkenntlich gemacht. … Wir haben nicht nur solche übermalten Photos, sondern auch zerrissene. Manche Personen musste man aus den Photos herausreißen, und das herausgerrissene Stück verbrennen. Das ist ein ganz wichtiges Symbol für die sowjetische Erinnerung.
Sie verstehen, dass eine derartige Erinnerung sich auf die Mentalität der heutigen Russen auswirkt. … Das sind Jahrzehnte furchtbarer Angst. Die Verdrängung vieler Umstände aus dem Bewusstsein. Die Umschreibung menschlicher Biographien.

Befragt nach Archivbeständen zu Estland, sagt Roginskij, es sei gar nicht so einfach, sie im Archiv herauszusuchen. Etliches sei schon im Computer erfasst, vieles aber auch noch nicht. „Übrigens zu Estland – wahrscheinlich haben wir die Gefangenenuniform von Mart Niklus. (Mart Niklus, geb. in Tartu, war insgesamt 16 Jahre aus politischen Gründen inhaftiert, er saß in den Lagern Dubravlag und denen von Perm' sowie in Gefängnis Wladimir bzw. Tschistopol.) Roginskij holt aus einem Schrank ein Kleidungsstück mit dem obligatorischen schwarz-grauen Streifen. „Nach seiner Haftentlassung kam Mart durch Moskau, da haben wir uns getroffen und zusammen Tee getrunken“, erinnert er sich.
Bemerkenswert ist schließlich auch die umfangreiche Kollektion von Kunstwerken, die in Gefangenschaft entstanden sind. Schon Anfang der 1990er Jahre erhielt MEMORIAL eine beeindruckende Sammlung von Kunst aus dem Lager. Zu den wertvollsten Exponaten gehören die Lagerzeichnungen des Esten Julo Sooster.
„… Damit ist eine Legende verbunden, obwohl ich glaube, dass ein Stück Wahrheit dabei ist. … Künstlern war es nicht erlaubt, im Lager künstlerisch zu arbeiten. Eines Tages kamen Aufseher in seine Baracke, durchsuchten das Schränkchen und fanden da einen großen Stapel seiner Arbeiten. Meiner Meinung nach waren das unschätzbare Werke. Sie warfen sie in den Ofen. Aber dann verließen sie die Baracke, und nach wenigen Augenblicken hat jemand diese Zeichnungen aus dem Ofen geholt. Sehen Sie, wie sie an den Rändern angebrannt sind? Man hat sie schließlich zu uns gebracht. … Es sind ausgezeichnete Arbeiten.

Aus der Biographie von Julo Sooster (Quelle: Archiv von Memorial in Moskau): Sooster, Julo-Ilmar Johannesowitsch, geb. am 17. Oktober 1925. 1944-1948 Ausbildung in Tartu, ESSR, am Staatlichen Institut für Kunst. Verhaftet am 28. Dezember 1948. Angeklagt wegen der Gründung einer antisowjetischen Gruppe und des Versuchs, ein Flugzeug nach Frankreich zu entführen. 1949 zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. 1949-1956 Haft im Karlag (eines der größten Lager im GULAG, im Gebiet Karaganda, Kasachstan, im Dorf Dolinka. Arbeit als Feuerwehrmann, Zimmermann und Künstler im Haus der Kultur des Lagers. Zeichnete Plakate, gestaltete Stellwände, fertigte für die Lagerleitung Kopien bekannter Gemälde an. 1956 entlassen und rehabilitiert. 1957-1970 lebte und arbeitete er als Künstler in Moskau.“

Ein weiteres Fundstück stammt vom letzten Volkskommissar für Inneres unter Stalin – von Sergej Kruglov. Es ist sein Uniformmantel, der auf seltsamen Wegen, obwohl ganz zufällig, den Weg ins Archiv von Memorial gefunden hat, wie auch seine Offiziersjacke. In deren Tasche befand sich noch die Karte eines Kriegsgefangenenlagers - vom Vjatlag.

Wie viele andere russische Organisationen, hat jetzt auch Memorial Probleme mit den Regierungsbehörden. Starke Nichtregierungsorganisationen hätten in Russland keine Tradition gehabt, erklärte Roginskij. Bis heute gebe es deshalb wenig Verständnis dafür, dass es sich in der Tat um unabhängige Initiativen handelt und warum sie gegründet werden. Ganz am Anfang musste Memorial gewissermaßen in rechtsfreiem Raum agieren:
Damals trugen wir die Bezeichnung ‚freiwillige historische Bildungsvereinigung Memorial‘. Wer versteht heute, warum wir den Ausdruck ‚freiwillig‘ in die Bezeichnung aufnehmen mussten? Daran können sich nur noch Menschen erinnern, die die Sowjetunion erlebt haben. Wir wollten unserer Existenz einen offiziellen Charakter verleihen. Aber es gab in der UdSSR kein Gesetz, das es erlaubt hätte, eine gesellschaftliche Organisation zu registrieren. – Bei der Beisetzung von Andrej Sacharov fragte Michail Gorbatschov seine Witwe Jelena Bonner, was er für sie tun könne. Sie antwortete darauf: ‚Registrieren Sie Memorial!‘ Er sagte ihr das zu, aber es stellte sich heraus, dass das nahezu unmöglich war, weil es dafür keine gesetzliche Grundlage gab. Andere gesellschaftliche Organisationen, wie etwa das Sowjetische Komitee für den Frieden, waren auf Beschluss des Politbüros gegründet worden. Allenfalls Sportverbände wie Spartak und Dinamo … waren wirklich gesellschaftliche Organisationen. Und sie wurden als ‚freiwillige gesellschaftliche Organisationen‘ bezeichnet. So registrierte man auch uns als ‚freiwillige Organisation‘.“

In Russland ist seit dem 21. November 2012 das berüchtigte „Agenten-Gesetz“ in Kraft, demzufolge sich Organisationen, die finanziell aus dem Ausland unterstützt werden und „politisch tätig“ sind – wie auch immer man das definiert - , sich als ausländische Agenten registrieren lassen müssen.
Memorial gehört zu den Organisationen, die von vornherein erklärt haben, dass sie dies nicht tun werden. Nicht nur deshalb nicht, weil das eine Lüge wäre, sondern auch im Bewusstsein der historischen Verantwortung und der Mission, zu der sich Memorial bekennt. Zur Zeit des stalinistischen Terrors diente eben dieser aus der Luft gegriffene Vorwurf, im Dienste ausländischer Mächte zu stehen, als Vorwand für die Verfolgung - die Verhaftung und Ermordung - Hunderttausender.

[1] Grundlage ist der Bericht in der estnischen Zeitung Postimees: http://rus.postimees.ee/1215804/arsenij-roginskij-strah-poselilsja-v-ljudjah-na-gody/

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