Samstag, 3. August 2013

"Papas Briefe". Eine Ausstellung bei Memorial in Moskau

Basierend auf Unterlagen aus Familienarchiven, die Memorial überlassen wurden, hat Memorial eine beeindruckende und berührende Ausstellung erarbeitet, die Einblick in einen Bereich gibt, der sonst relativ geringe Beachtung findet.
Die Ausstellung „Papiny pisma“ (Papas Briefe) zeigt Briefe Gefangener an ihre in Freiheit verbliebenen Familienangehörigen, insbesondere an ihre Kinder, zum Teil auch die Briefe der Kinder an sie.
Vor allem handelt es sich um Personen, die zu Beginn der 30er Jahre auf Grund „politischer“ Artikel befristete Freiheitsstrafen bekommen hatten und davon überzeugt waren, nach Verbüßung dieser Strafe freizukommen, sie rechneten fest damit, zu ihrer Familie zurückkehren zu können. Diese Hoffnungen erwiesen sich in fast allen vorgestellten Schicksalen als trügerisch, das Jahr 1937 machte sie in der Regel zunichte, oder in späteren Jahren der Tod im Lager.

Im Mittelpunkt stehen die Briefe von Aleksej Wangenheim (1881-1937). Memorial wurde kürzlich sein Archiv zur Verfügung gestellt. Dieses Archiv ist ungewöhnlich reichhaltig – 168 Briefe Wangenheims aus der Haft an seine Familie sind erhalten. Sie sind der Kern der Ausstellung.

Bereits vor der Revolution war Wangenheim wegen Teilnahme an studentischen Unruhen verhaftet und zu Verbannung verurteilt worden. Er war ein bedeutender Naturwissenschaftler, sein Spezialgebiet war die Meteorologie. 1934 wurde er verhaftet und wegen „Spionage“ sowie „Erstellung falscher Wetterprognosen“ zu zehn Jahren Haft verurteilt. Er kam ins Solovezki-„Lager zur besonderen Verwendung“.
Seine Briefe stammen aus der Zeit in diesem Lager, in dem er drei Jahre, von 1934-1937, inhaftiert war. Die Haftbedingungen waren zu dieser Zeit deutlich besser als später, nach 1937. Wangenheim durfte im Monat drei Briefe schreiben, zum Geburtstag konnte er seiner Tochter auch ein Paket schicken. Viele Gefangene nutzten diese einzige verbleibende Möglichkeit, um mit ihrer Familie in möglichst engem Kontakt zu bleiben, an der Erziehung ihrer Kinder mitzuwirken, ihnen möglichst viel Wissen zu vermitteln, sie an ihrem Leben teilhaben zu lassen und ihrerseits, soweit möglich, „in der Familie“ zu leben.
So schreibt Wangenheim für seine anfangs vierjährige Tochter Erzählungen, Märchen, Schilderungen aus der Natur, er erklärt, wie Vögel ihre Jungen ernähren, wie Pflanzen sich vor Frost schützen, und ergänzt seine Briefe mit etlichen Zeichnungen.


Er verfasst eine Serie von Rätseln, die er ebenfalls mit Bildern illustriert. Den Schwierigkeitsgrad passt er dem jeweiligen Alter des Kindes an. Teilweise sind seine Briefe regelrechte Unterrichtsstunden, zugleich in Botanik und Mathematik: Anhand von Blättern verschiedener Pflanzen seiner Umgebung veranschaulicht er Begriffe wie Symmetrie und Asymmetrie oder gerade und ungerade Zahlen.



 Die Sonnenfinsternis im Juni 1937 zeichnete er in ihren verschiedenen Phasen und erklärte sie seiner Tochter im Einzelnen.





Aus ihm zugänglichen Materialien (Baumrinde, Ziegel, Lehm usw.) komponierte er steinerne Mosaikbilder – z. B. das Solovezki-Kloster, einen Pferdekopf, eine Schatulle mit einem Vogel.







Im Jahre 1937 fand der Briefkontakt sein Ende. Die Zeit der „Großen Säuberung“ war angebrochen, und die so genannten „Limits“ – Sollzahlen zu verhaftender oder zu erschießender Personen – galten auch für die Lager. In erneuten Verfahren wurden die Betroffenen zum Tode verurteilt, unter ihnen Aleksej Wangenheim, ebenso auch Pavel Florenskij[1]. Per Schiff wurden die Verurteilten in zwei Etappen aufs Festland transportiert. (Die noch verbliebenen Häftlinge wurden auf den Solovki selbst erschossen, da auf Grund der Witterung die Schifffahrt bereits eingestellt war.) Der erste Transport mit 1111 Personen, in dem sich Wangenheim befand, war lange verschollen. Was aus den Menschen geworden war, blieb unbekannt und nährte alle möglichen Gerüchte, etwa, dass die Insassen auf der Überfahrt ertränkt oder dass sie auf dem Land auf verschiedene Lager verteilt und nicht erschossen worden seien. Erst 1997 wurden in Sandormoch (Mezhvedogorsk, Gebiet Archangelsk) 150 Gräber mit ihren Überresten entdeckt.
Wangenheims Frau hatte nie an die Schuld ihres Mannes geglaubt. Entgegen allen Empfehlungen hatte sie ihren Namen nicht geändert und alle Briefe ihres Mannes aufbewahrt. Immer wieder schickte sie Gesuche an Stalin, Jezhov, Berija und andere Funktionäre. Das gegen ihren Mann verhängte Todesurteil war ihr nicht mitgeteilt worden, sondern die damals übliche Version, er sei zu „zehn Jahren ohne Korrespondenzerlaubnis“ verurteilt. Die Wahrheit hat erst ihre Tochter in den 1990er Jahren erfahren.

Ein ähnliches Schicksal wie Wangenheim hatte auch Vladimir Levizkij (1915-1937).
Von Jugend an war er ein begeisterter Briefmarken- und Münzensammler. Er war aktives Mitglied der Gesamtrussischen Gesellschaft der Philatelisten. Viele Mitglieder dieser Gesellschaft wurden 1931 verhaftet, so auch Levizkij. Als einer der angeblichen Anführer einer Verschwörung wurde er zu zehn Jahren Freiheitsentzug verurteilt, die er (bis 1937) in verschiedenen Abteilungen des Lagers „Siblag“[2] verbüßte. Hier hat er alle Standorte verzeichnet, an denen er sich befunden hat.

Und sein Sohn vermerkte auf einer Karte alle Orte, von denen sein Vater ihm geschrieben hatte.
Da Levizkij 1937 alle Briefe, die er von seiner Familie – Frau und Sohn – erhalten hatte, seiner Familie zurückschickte, sind in diesem Falle die Briefe beider Seiten erhalten. Levizkij lässt seine Familie an seinem Alltagsleben teilhaben, er zeichnet seine Wohnbaracke, sein Arbeitszimmer mit allen Details, das Flussufer, an dem er täglich badet und vieles mehr.


In Briefen diskutiert er mit seinem Sohn, wie man eine Radiostation bauen kann, ebenfalls mit einer genauen Zeichnung illustriert. Seiner Leidenschaft für Briefmarken folgend, malt er fiktive Marken mit Wertangaben (3 Rub. usw.) auf seine Briefe.

1937 wurde ein erneutes Verfahren gegen Levizkij eingeleitet, in dem er zur Höchststrafe verurteilt wurde. Das Urteil wurde noch im selben Jahr vollstreckt.

Nikolaj Ljubtschenko (1896-1937), ein ukrainischer Journalist und Schriftsteller, wurde 1934 (als angeblicher ukrainischer Nationalist) zu zehn Jahren Haft verurteilt, die er in Kasachstan und auf den Solovki verbüßte. Er schreibt aus der Haft an beide Söhne, an den kleineren Sohn extra mit besonders großer Schrift. Er bewahrt sich seinen Glauben an die Sowjetmacht und akzeptiert ausdrücklich auch sein Urteil. Wenn die Sowjetmacht es für richtig halte, ihn von seiner Familie zu trennen, dann sei dies auch richtig. Seine Briefe sind gewissermaßen sein ideologisches Vermächtnis. 1937 wurde er in einem weiteren Prozess zum Tode verurteilt und erschossen.

Anders als Ljubtschenko gehörte Michail Bodrov (1902-1937) tatsächlich zur Opposition, er war erklärter Trotzkist. 1929 wurde er wegen konterrevolutionärer Aktivitäten verhaftet und zunächst nach Semipalatinsk verbannt. Von dort schrieb er einen Brief an seinen Sohn, den er unterzeichnete: „Papa, Dein unverbesserlicher Trotzkist“ – auch dies ein ideologisches Vermächtnis...
Die Teilnehmer einer „trotzkistischen Verschwörung“ in Semipalatinsk wurden 1935 in Arbeitslager in Komi sowie an der Kolyma verbracht, Bodrov nach Kolyma. Dort organisierten sie zeitgleich die beiden bedeutendsten Lageraufstände vor dem Krieg – einen Streik sowie einen Hungerstreik. Im September 1937 verurteilte eine NKVD-Trojka 55 der Beteiligten zum Tode, unter ihnen Michail Bodrov.

Jedoch nicht alle hier vorgestellten Biographien enden 1937.
Gavriil Gordon (1885-1942, Philologe, Pädagoge) wurde 1929 erstmals verhaftet, 1936 erneut und zu fünf Jahren Freiheitsentzug verurteilt, die er (da sich Nadezhda Krupskaja, Lenins Witwe, für ihn eingesetzt hatte) in einem Lager für Kriminelle und damit unter günstigeren Bedingungen im Dmitlag verbüßte. Dort verfasste er für seine ältere Tochter eine „Kleine Einführung in die Philosophie“, für die jüngere eine „Einführung in die Weltgeschichte“.
Gordons Haftzeit endete im August 1941. Inzwischen hatte indes der Krieg begonnen, und seine Entlassung wurde deshalb ausgesetzt. Er verhungerte Anfang 1942 im Lager – zu dieser Zeit war die Sterblichkeit auf Grund der Kriegsbedingungen extrem hoch.

Anders als der Titel der Ausstellung vermuten lässt, gibt es auch Briefe von Müttern aus den Lagern (und von ihren Kindern an sie). Die Frauen waren entweder als „Familienmitglieder von Vaterlandsverrätern“ (nach der Verhaftung ihrer Männer) ins Lager gekommen oder auf Grund eigener Anschuldigungen verurteilt worden. Ebenso wie die Väter versuchen sie mit ihren Briefen an die Kinder die Trennung wenigstens teilweise zu überwinden.
Aleksandra Stogova (1899-1981) wurde 1938 als Frau eines „Vaterlandsverräters“ zu fünf Jahren Haft verurteilt, unter anderem wurde ihr die „Nichtanzeige ihres Mannes“ zur Last gelegt. Ihre beiden Töchter blieben zurück. Ihre zärtlichen Briefe besonders an die kleinere Tochter Alla sind geprägt von ihrem Wunsch, in der Vorstellung des Kindes präsent zu bleiben, sie betont, in Gedanken immer bei und mit ihr zu sein.


Zu sehen ist übrigens auch ein Brief (vom März 1943) der älteren Tochter Ljuba aus einem Bunker an der Front, wo sie als Ärztin eingesetzt war.

Ein beeindruckendes Beispiel für die moralische Unterstützung verhafteter Eltern durch ihre Kinder ist ein Brief von Julia Dmitrieva an ihren Vater Nikolaj Dmitriev (1909-1962). Er war 1950 zu 10 Jahren Lagerhaft verurteilt worden (1953 wurde er freigelassen). In Reaktion auf die offenbar von ihm angedeutete Möglichkeit für seine Frau, sich scheiden zu lassen, schreibt sie, er solle keine derartigen Gedanken hegen: „Ich befehle Dir, den Gedanken von Dir zu weisen, dass Du Mama verlieren könntest … und nicht mehr von solchen Gedanken zu schreiben.“ Sie fordert ihn ausdrücklich auf, nicht den Kopf hängen zu lassen, im Gegenteil, er solle „stolz“ sein. Im März 1953 richtete sie an den soeben zum Staatsoberhaupt ernannten Kliment Voroschilov einen dringenden Appell, für die Entlassung ihres unschuldigen Vater aus der Haft zu sorgen.

Seite aus Julia Dmitrievas Brief an Voroschilov vom 26.3.1953

Natürlich kann hier nur ein sehr begrenzter Überblick über die Ausstellung gegeben werden.
Die Ausstellung wurde im April 2013 eröffnet. Ursprünglich bis Ende Juli geplant, wurde sie auf Grund des regen Interesses verlängert und wird im Herbst noch zu sehen sein. Wünschenswert wäre natürlich, sie nochb an anderen Standorten sehen zu können, möglicherweise auch im Ausland, mit entsprechenden Erläuterungen und Übersetzungen. Vielleicht wäre eine Publikation dazu denkbar, in die noch mehr Exponate als die hier gezeigten aufgenommen werden könnten, eine Art annotierter Katalog, der auch in andere Sprachen übersetzt werden könnte.






[1] http://www.gulag.memorial.de/person.php?pers=121
[2] http://www.gulag.memorial.de/lager.php?lag=315

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